Indian Summer Seealpen 2015
Auf der Maginot-Linie zwischen Schneekanonen und Artilleriestellungen


Grundlage für diese Tour sind einerseits tolle Erinnerungen an gemeinsame Töfftouren durch diesen Teil der Westalpen und andererseits eine bereits reichlich zerfledderte Ausgabe des Allradlers von 2009 (an dieser Stelle einmal mehr ein herzliches Dankeschön an Gerda und Herrmann) mit dem Ziel herauszufinden, welche der alten Militärstrassen noch fahrbar - und welche bereits asphaltiert oder mit Verbotsschildern vermint sind.
Abgesehen davon fasziniert uns die Maginot-Linie, die französische Grenzbefestigung, welche sich an der ganzen Ostgrenze Frankreichs von den Ardennen bis runter zur Cote d'Azur entlang zieht.
Auf dem Programm für die nächsten zwei Wochen stehen unzählige Forts und andere Militärruinen, vergessene Tunnels, abenteuerliche Kammstrassen, aussichtsreiche Übernachtungsplätze in den Bergen und tausende Kurven und Spitzkehren. Dass wir uns hierbei möglichst nicht auf Asphalt bewegen dürfte wohl klar sein, schliesslich wollen wir auch Tico eine artgerechte Haltung bieten. Sollte das Terrain mal wirklich nicht mehr Ticotauglich sein, haben wir vorsichtshalber auch noch die Wanderausrüstung eingepackt, denn mindestens eine offene Rechnung wäre da noch zu begleichen, aber dazu später mehr...
Über Martigny kommend erreichen wir das Mont Blanc Massiv und beim Anblick dieser atemberaubenden Bergwelt verspüren wir den Wunsch, uns kurz mal die Beine zu vertreten. Zum Glück haben wir für alle Fälle eine Flasche Wasser eingepackt, der Spaziergang endet knapp 3 Stunden später auf einem namenlosen Gipfel - der Weg war einfach zu schön.. ;-)
Somit ist der erste Tag auch gelaufen, und mit einem Glas Wein und der Aussicht auf eine Gletschermuräne lassen wir den Tag ausklingen - voller Freude auf alles was noch vor uns liegt...


Region Mont Cenis: Die nächsten Tage führt uns unser Weg mit einigen Umwegen stetig nach Süden. Wir erwandern das Fort de Turra am Col de Cenis und kommen kaum mehr weg aus diesem Gebiet, gibt es doch rund um den Lac de Cenis so viel altes Gemäuer zu entdecken. Zum "Glück" legt sich am nächsten Tag dicker Nebel über den Mont Cenis, ich glaube, wir wären sonst immer noch dort....
So zieht es uns weiter nach Italien, zu Café und Pannini in Susa.


Ab hier folgen wir mehr oder weniger den vagen Beschreibungen unseres Allradlers und sind erstaunt, wie viele der damals beschriebenen Highlights wir noch vorfinden. Leider wurde in den vergangenen Jahren viel in den Ausbau der Strassen investiert und kaum ein Track bedarf wirklich noch eines 4x4's.

Monte Pramand: Nach dem schwer zu findenden Einstieg gehts bald los mit der gut geschotterten Militärstrasse, die in vielen Kurven auf den Mont Pramand und das gleichnamige Fort führt. Ein herrlicher Schlafplatz mit Sicht auf den Nebel des Grauens im Tal findet sich natürlich auch.


Monte Jafferau: Der geschichtsträchtige Tunnel, welcher den Monte Pramand mit dem Jafferau verbindet, ist leider nur noch für Enduros befahrbar, doch man kann mit dem Auto von beiden Seiten bis zum Tunneleingang fahren und die gewaltigen Felsen bewundern und erahnen, welche Kräfte nötig waren, um einen solchen Tunnel zu erbauen. Den Jafferau erreicht man via Bardonecchia auf gut geschotterten Strassen, es sei denn man zieht wie wir den "Hintereingang" über die Nordwestflanke vor. Endlos zieht sich die steile Piste zwischen Skiliften nach oben - Tico bewältigt diese jedoch fast problemlos in der Untersetzung (L1/L2). Der Nebel und der Eisregen tragen ihrerseits zu der von mir gefühlten Weltuntergangsstimmung bei. Oben angekommen durchbrechen wir das Wolkenmeer und bei strahlendem Sonnenschein erblicken wir das untere Fort unter einem Regenbogen - und nebenher auch noch die erwähnte Schotterstrasse, die wir im Nebel offenbar verpasst haben...


Col de Sommeiller: Den höchstgelegendsten Parkplatz Europas lassen wir uns natürlich nicht entgehen. Leider ein One Way Track, aber dies tut der Schönheit auch keinen Abbruch. Endlose Kurven schlängeln sich durchs Tal nach oben, vorbei an Wasserfall, Hochebenen und Hunderten von Murmeltieren. Die Aussicht vom Col ist atemberaubend auf Mont Blanc, Mont Cenis und Mont Chaberton im Süden. Zum Schlafen ist es uns zu frisch hier oben, auch würde uns unsere treue Standheizung ihren Dienst versagen auf über 3000 M.ü.M. Anmerkung: auch bei 2700 Metern Höhe ist es noch ziemlich frisch da uns die Standheizung auch auf dieser Höhe nach kurzem Aufbäumen leider im Stich lässt.
Fazit dieses Tracks: problemlos mit dem SUV zu bewältigen, vorausgesetzt man erwischt die kurze, schneefreie Periode.

Mont Chaberton:
Früher DAS Offroad-Mekka und höchster befahrbarer Berg. Leider hatten wir bereits nicht mehr das Vergnügen legal mit den Enduros dort rumturnen zu dürfen, deshalb packen wir das Abenteuer Chaberton gezwungenermassen per pedes an. Von der französischen Seite eine wunderschöne, wenn auch sehr nahrhafte Wanderung über 1200 Höhenmeter. Da wir uns zeitlich etwas verkalkuliert haben und die Tour erst nach Mittag (!) beginnen, hat es mir (Cel) leider nicht bis zum Gipfel gereicht und ich muss Dani schweren Herzens beim Col ziehen lassen auf dass er die letzen 400 Höhenmeter alleine unter die Sohlen nimmt um den Gipfel sowie den Rückweg noch vor Sonnenuntergang zu vollenden. Beim Anblick der grandiosen Photos des Gipfelforts am Abend hab ich mir wohl zum abertausendsten Mal geschworen, endlich an meiner Kondition zu arbeiten, denn es werden noch viele Chabertons unseren Weg kreuzen.

Fazit Chaberton:
Einerseits natürlich schade, dass den Offroadern wieder ein schöner Track genommen wurde aber andererseits auch verständlich, denn der Mensch hat an diesem Berg bereits genug Spuren hinterlassen.


Col de Parpaillon: Weiter gehts über Briancon und den Col d'Izoard zum nächsten Highlight: Col de Parpaillon. Das besondere an diesem Pass ist der Tunnel von 1901 der durchfahren werden muss, eine Passtrasse gibt es nicht. Auch dieser Track ist zwischenzeitlich gut geschottert und stellt offroadtechnisch keine Herausforderung mehr dar - bleibt also genug Zeit, sich der einzigartigen Umgebung und der Aussicht zu widmen, denn davon gibts am Parpaillon nicht zu knapp..

Nach dem Besuch der "Mexikanerstadt" Barcelonette gehts über den Col de la Bonette - scheinbar der höchste asphaltierte Pass Europas. Diesen verlassen wir jedoch fluchtartig, offensichtlich ist dies die angesagte Pilgerroute eines jeden Motorradfahres in der Gegend. Die Ausblicke vom Gipfel auf das Mercantour-Gebirge sind trotz allem spektakulär.
Wir verbringen noch einige Tag im Mercantour Nationalpark doch es ist langsam Zeit, sich wieder gegen Norden zu wenden. Nicht jedoch, bevor wir einen Blick aufs Meer geworfen haben, denn 30 km Luftlinie südlich liegt Monaco und die Côte d'Azur, doch hierfür haben wir definitiv nicht die richtige Garderobe dabei... ;-)

Col de Tende/Ligurische Grenzkammstrasse: Alle Wege führen auf oder durch den Tende - oder eben nicht - wie wir feststellen mussten. Wieder mal schleichen wir uns durch die Hintertür an. Auf der Anflugschneise zum Col, wo wir mit Lastwagen und Feierabendstau kämpfen, entdecken wir eine Detour welche auf der Westseite auf den Pass führt - 4-wd only - da müssen wir zuschlagen :-). Der Weg hält was er verspricht: eng, steil, kurvig und steinig, dazu ziemlich ausgesetzt und verdammt einsam. Die Frage zum Nachtlager lautet heute mal nicht: in welche Richtung willst zu schauen beim Einschlafen sondern: wo finden wir einen Flecken Erde, wo wir Tico einigermassen waagrecht hinstellen können!
Entschädigt werden wir  - ich wiederhole mich bereits wieder - mit atemberaubender Aussicht. Ja, mir gehen langsam die Superlativen aus...
Am nächsten Morgen, nach zahlreichen Stops zur Besichtigung diversen Kriegsgemäuers erreichen wir den Col und wollen gleich hier auf die unter Offroadern höchstgelobte Ligurische Grenzkammstrasse einsteigen. Ein grosses Schild und ein nicht soo grosser italienischer Ragazzo zwingen uns zum Stop. Nein, hier könnt ihr heute nicht durch. Immer am Dienstag ist gesperrt. Wozu? Für Wanderer.. aha.... . Und morgen? Ja da könnt ihr durch.. Also können wir jetzt den Pass wieder runter nach Frankreich und morgen von den anderen Seite einsteigen? Ja, das heisst nein, die Passtrasse nach Frankreich ist gesperrt wegen Steinschlag. Also müssen wir nach Italien runter und durch den Tunnel wieder zurück nach Frankreich, um dann morgen von Süden her einzusteigen. Genau, da stehe dann aber ein anderer Ragazzo informiert er uns noch grinsend. Warum dass denn? Weil die Strasse 15 Euro kostet (10 für Motorräder). Warum? Ist einfach so... Aha...
Gesagt getan. Wir haben auf jeden Fall herausgefunden, wie die 15 Euro investiert werden, vermutlich für den Ausbau der einst aufregenden Offroad-Strecke. Heute ist nämlich alles platt geschottert und mit Omas Cinquecento befahrbar... schade. Was bleibt ist die - ratet mal: genau, atemberaubende Aussicht ;-) und die Vorstellung, wie es hier einst abgegangen sein könnte bevor der Schotter da war...

Gegen Mittag und Ende der Kammstrasse ändert sich das bisher beispiellose Wetter und dicke Wolken ziehen auf, so dass wir froh sind endlich vom Berg runter zu kommen. Voller Mitleid sehen wir die entgegenkommenden Enduristen im Eisregen verschwinden. Als wir am Mittag bei Lammkottelets und Risotto in Limone sitzen, sehen wir den Tende bereits weiss bedeckt... Wir sehen uns an und bestellen noch einen Limoncello...

Maira-Stura Kammstrasse: Sehr überrascht hat uns die Kammstrasse zwischen dem Maira und dem Sturatal. Auch hier weist natürlich nichts mehr auf das Hard Terrain vergangener Tage hin, doch die Streckenführung ist abwechslungsreich und spannend, grosse Höhenunterschiede und überraschende Hochebenen. Auch hier finden wir ein altes Fort, dass uns Schutz vor dem allgegenwärtigen Wind gewährt. Es bleibt sogar mal Zeit um ein Brot zu backen und für ein paar kleine 4x4-Spielereien, um die MG-Stellungen im Berg zu erkunden.


Col de Busson: Zurück über den Col d'Izouard versuchen wir einen Weg über den Col de Busson nach Italien zu finden. Lediglich ein paar Wanderwegweiser scheinen den Weg zu kennen, doch auf unser Nachfragen nickt uns Grossväterchen auf der Veranda aufmunternd zu und winkt in Richtung des Wanderwegs, na wenn dass kein Zeichen ist. Was soll ich sagen, es gibt tatsächlich einen Weg, Voraussetzung ist Untersetzung, Diffsperre und eine gehörige Portion Mut und Unvernunft, aber davon haben wir ja zur Genüge.


Assietta Kammstrasse/Col delle Finestre: Als würdigen Abschluss nehmen wir noch die Assietta Kammstrasse und den Col delle Finestre unter die Räder. Hier hat sich in den letzten 20 Jahren auch nicht viel verändert, seit wir beide hier mit einer vollbepackten Ténéré hochgekeucht sind. Auf dem Col stehen wir wie damals und blicken auf die vergangenen zwei Wochen zurück auf traumhaftes Wetter, vergessene Forts, unvergessliche Ausblicke und legendäre Tracks, die mittlerweile nicht nur Hardcore-Offroadern zur Verfügung stehen. Es gäbe noch so viel zu sehen, zu erfahren und vor allem zu erwandern, doch unsere Zeit ist leider begrenzt und wir geniessen unser gemütliches Reisetempo.
Wir fühlen uns bestens gewappnet für nächstes Jahr und freuen uns auf den Luxus des Treibenlassens ohne Zeitdruck...